Informa Markets: „Die Geschwindigkeit, mit der Hersteller neue pflanzliche Produkte auf den Markt bringen, ist atemberaubend“ – vegconomist

Von allen aktuellen Trends in der Lebensmittelindustrie ist der Boom pflanzlicher Rohstoffe und Produkte sicherlich derjenige, der die Branche und das Angebot in den Regalen am tiefgreifendsten verändert.

Im Anschluss an die Präsentation des Fi Global Insights Plant-based Report 2022 sprach Peter Link mit Kinga Wojcicka-SwiderskaLeiter Inhalt – Essen, Informa-Märkteüber diesen Megatrend und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen.

Peter Link: Kinga, Sie haben einen hervorragenden Rundumblick auf die Lebensmittel- und Zutatenindustrie weltweit. Was unterscheidet den Trend zu pflanzlichen Lebensmitteln und Zutaten von all den anderen Trends, die wir in den letzten Jahren in der Branche gesehen haben?
Kinga Wojcicka-Swiderska: Dies ist ein Trend, der anhalten wird und zum Mainstream werden wird, weil er von vielen Themen befeuert wird. Auf der einen Seite stehen die Klimakrise, die Folgen der Pandemie, die wachsende Weltbevölkerung und die deutliche Zunahme von Krankheiten. Andererseits wächst das Bewusstsein für Nachhaltigkeit, gesunde Ernährung und artgerechte Tierhaltung.

„Es ist davon auszugehen, dass eine überwiegend pflanzliche Ernährung nach und nach zur Normalität wird“

Es ist davon auszugehen, dass eine überwiegend pflanzliche Ernährung bei bestimmten Verbrauchergruppen nach und nach zur Normalität wird. Demografische Faktoren spielen jedoch eine wichtige Rolle, da sich jüngere Menschen tendenziell mehr Sorgen um die Zukunft des Planeten machen und auch offener für neue Ernährungsansätze sind.

Vegane Optionen Deutscher Supermarkt
© Robert Kneschke-stock.adobe.com

Peter Link: Was sind mit Blick auf Verbraucher und Markt die wichtigsten Entwicklungen?
Kinga Wojcicka-Swiderska: Die derzeit wichtigste Käufergruppe für Fleisch- und Milchalternativen ist die wachsende Zahl der Flexitarier. Zudem gibt es eine immer größere Auswahl an erstklassigen Produkten auf dem Markt, die eine pflanzenbasierte Ernährung abwechslungsreicher, schmackhafter und leichter durchführbar machen. Dies ist natürlich eine Wechselwirkung, denn das Interesse und die Nachfrage nach solchen Produkten steigen. Auch Discounter räumen pflanzlichen Alternativen immer mehr Regalfläche ein. Die österreichische Supermarktkette Billa beispielsweise hat kürzlich einen ganzen Laden mit rein pflanzlichen Produkten eröffnet. Das wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

Peter Link: Was können wir mit Blick auf die Branche zu diesem Trend sagen?
Kinga Wojcicka-Swiderska: Zunächst einmal ist die Geschwindigkeit, mit der Hersteller neue Produkte auf pflanzlicher Basis auf den Markt bringen, atemberaubend – ob Fleisch- oder Milchalternativen oder andere Kategorien wie vegane Energieriegel oder vegetarische oder vegane Fertiggerichte. In diesem Segment ist Rapid Prototyping häufiger anzutreffen und die Anzahl der Produkteinführungen ist überwältigend.

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© Jam N Vegan

Zweitens sehen wir jetzt, dass viele Fleisch- und Molkereiunternehmen ihr Portfolio um pflanzliche Alternativen erweitern. Sie tun dies nicht nur, weil sie die Attraktivität des Geschäftsfelds erkennen, sondern weil sie ihre Unternehmen zukunftssicher machen müssen.

Außerdem passen viele Zutatenhersteller ihre Portfolios an pflanzliche Proteinquellen an: Einige erweitern ihre Kapazitäten in großem Umfang, andere gründen eigene Geschäftseinheiten oder Unternehmen für ihre pflanzlichen Geschäfte.

Peter Link: In welchen Bereichen sehen Sie die größte Entwicklung?
Kinga Wojcicka-Swiderska: Spannend ist, dass in fast allen Bereichen eine Entwicklung stattfindet. Zum einen nimmt die Vielfalt der verwendeten Proteinquellen zu. Während wir früher nur an Soja, Hafer, Weizen oder Mandeln dachten, sehen wir heute auch Erbsen, Lupinen, Ackerbohnen, Pilze und zahlreiche andere Quellen wie Algen und fermentierte Produkte als wichtige Zutaten.

Triton-Algen-Innovationen
© Triton Algae Innovations

Auch Nachhaltigkeit ist zu einem wichtigen Aspekt geworden: Regionalität und möglichst geringer Ressourcenverbrauch beim Anbau sind durchaus Kriterien, die für Verbraucher eine Rolle spielen. Auch verarbeitungstechnisch tut sich einiges, denn die Hersteller arbeiten an schonenden, physikalischen Verfahren, die Zusatzstoffe reduzieren oder eliminieren sollen. Ein weiterer Entwicklungsbereich waren die großen Fortschritte, die auf dem Gebiet der sensorischen Verbesserung erzielt wurden.

Peter Link: Vor welchen Herausforderungen steht die Industrie im Hinblick auf pflanzenbasierte Produkte?
Kinga Wojcicka-Swiderska: Die Verfügbarkeit und Versorgung mit Rohstoffen ist aktuell ein Thema, ebenso wie die anhaltenden Auswirkungen der Pandemie, unsichere Lieferketten und Ernten sowie Personalengpässe. Eine weitere Herausforderung, vor der die Industrie steht, ist die Notwendigkeit, den Verarbeitungsgrad pflanzlicher Produkte weiter zu reduzieren – sei es durch neue Verfahrenstechniken oder neue Verpackungslösungen, die den Einsatz von Konservierungsmitteln oder anderen Zusatzstoffen überflüssig machen.

„Wir sehen viele Milch- oder Fleischalternativen, die in Bezug auf das Nährwertprofil hinter dem „Original“ zurückbleiben“

Wir sehen auch, dass viele Milch- oder Fleischalternativen in Bezug auf das Nährwertprofil hinter dem „Original“ zurückbleiben. Daher ist es wichtig, Produkte zu formulieren oder sogar mit Nährstoffen anzureichern, mit dem Ziel, das Nährwertprofil so zu nutzen, dass es alle wichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge abdeckt. Auch die Preisgestaltung wird oft diskutiert, denn hochwertige Rohstoffe sind teuer und die Verbraucher müssen bereit und in der Lage sein, dafür zu zahlen.

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© Wunderkern

Peter Link: Was erwarten Verbraucher in Bezug auf Transparenz und Kommunikation?
Kinga Wojcicka-Swiderska: Verbraucher sind sehr sensibel, wenn es um Greenwashing geht. Sie wollen ehrliche Produkte und ehrliche Kommunikation. Unternehmen müssen im Marketing sensibel agieren. Auch das Interesse an der Herkunft der Rohstoffe wächst: Woher kommen sie, wie werden sie angebaut und was bedeutet das für die Menschen vor Ort?

Unternehmen, die ihre Lieferketten offenlegen und für Transparenz sorgen, sind in den Augen der Verbraucher gut aufgestellt. Das gilt für alle Produktkategorien, aber am kritischsten werden jene Fleisch- und Milchalternativen betrachtet, die für Ethik und Nachhaltigkeit stehen. Auch die Bedeutung der richtigen Verpackungslösung ist nicht zu unterschätzen.

Ein weiterer wichtiger Punkt für Verbraucher ist die Geschichte. Viele Produkte auf pflanzlicher Basis haben ein junges und trendiges Image und können als Lifestyle-Produkte eingestuft werden. Wenn Vermarkter eine großartige Geschichte über das Produkt zu erzählen haben, hilft das.

Kultivierte Nuss-Reihe
©Die kultivierte Nuss

Peter Link: Wenn Unternehmen oder Start-ups daran interessiert sind, Produkte zu kreieren oder neu zu formulieren: Wo fangen sie am besten an?
Kinga Wojcicka-Swiderska: Ein Besuch der Fi Europe 2022 im Dezember in Paris oder die Online-Teilnahme an der Messe sind ein guter Ausgangspunkt, da sie einige großartige Möglichkeiten für Recherche und Networking bieten. Aussteller präsentieren hier nicht nur Inhaltsstoffe, sondern komplette Produktkonzepte. Plant-based ist auch eines der Hauptthemen des Inhaltsprogramms mit vielen Präsentationen von Branchenexperten zu Markt- und Verbrauchereinblicken und Formulierungsstrategien. Stellen Sie sicher, auch Download Fi Global Insights Plant-based Report 2022!

„Das Segment ist eine eigene Kategorie mit zahlreichen Unterkategorien“

Innova Market Insights hat pflanzliche Basis als den zweitgrößten Trend in der heutigen Branche identifiziert. Laut dem Marktforschungsunternehmen geht es nicht mehr nur darum, Fleisch oder Milchprodukte nachzuahmen. Das Segment ist eine eigene Kategorie mit zahlreichen Unterkategorien, in denen eine deutliche „Premiumisierung“ erkennbar ist.

Supermarkt mit PB-Produkten
Mit freundlicher Genehmigung von Beyond Animal

Von 2018 bis 2020 stieg der Umsatz mit pflanzlichen Produkten in Europa laut Innova um 49 Prozent, während im vergangenen Jahr ein Anstieg von 59 Prozent bei neuen pflanzlichen Produkten mit Prämien- oder Genussansprüchen zu verzeichnen war.


Der Fi Global Insights Plant-based Report 2022 bietet einen kompakten Überblick über alle wichtigen Entwicklungen und Trends in dieser Kategorie. Er fasst Markt- und Verbrauchertrends zusammen, stellt die wichtigsten pflanzlichen Proteinquellen vor und wirft auch einen Blick auf weniger bekannte Inhaltsstoffe aus Algen oder solche, die aus Zellkulturen oder durch Fermentation gewonnen werden, wie zum Beispiel Tempeh. Der Bericht geht auf wichtige Aspekte wie Textur, Aussehen und Nährwert der Produkte ein und stellt einige der spannendsten neuen Produkte in diesem Segment vor, darunter Fleisch- und Milchalternativen sowie Fertiggerichte und Convenience-Produkte. Der Bericht enthält Marktforschungsergebnisse von Innova Market Insights, Mintel oder FMCG Gurus.

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